Sozionik – eine neue Psychoreligion
oder eine wissenschaftlich fundierte Lebenshilfe?

Reinhard LANDWEHR (geb. 22.09.1947)
ReinhardLandwehr@aol.com
Sozialwissenschaftler, wohnt in Bielefeld (Nordrhein-Westfalen). Veröffentlichungen über Typisierungen in der Regionalforschung, die Verwendung von Informationen in rationalen Entscheidungsprozessen und Anomalien im Verhalten von Investoren, 2002 durch eine Internet-Suchmaschine auf die Sozionik aufmerksam geworden.
Sozionischer Typ: Analytiker (Robespierre)

Eine Untergrundpsychologie aus der ehemaligen Sowjetunion
will auch Probleme der westlichen Welt lösen

"Sozionik – die Wissenschaft des Jahrtausends" lautet die vollmundige Überschrift einer Webseite, die sich an Internetbesucher im Westen wendet. Bei diesem Anspruch an Moderne kann es nicht überraschen, dass sich die Missionsarbeit der Sozioniker, wie sich die Anhänger dieser psychologischen Beziehungstypologie selbst nennen, nicht auf so klassische Hilfsmittel wie Wanderprediger, Bücher oder Fernsehwerbung stützen. Ihr Medium ist vielmehr das Internet, zumal es keine Spenden von Gläubigen gibt, die teure Bekehrungskampagnen finanzieren. Schließlich verspricht die Sozionik auch keine Belohnung eines kärglichen Erdendasein durch einen sozionischen Himmel, sondern eine bessere Lösung sehr irdischer Probleme. Der Katalog von Schwierigkeiten, für die Hilfe versprochen wird, ist immens umfangreich, sodass er sogar die Vertreter der klassischen psychologischen Therapieformen vor Neid erblassen lassen dürfte, denn er reicht von Partnerkonflikten und sozialer Vereinsamung über schlechte Schulleistungen und Disziplinprobleme, geringe Arbeitseffektivität und psychische Krankheitsbilder bis hin zu miserablen Regierungen. Alle diese Widrigkeiten des modernen Lebens lassen sich, so das Credo aus dem Osten, relativ einfach aus dem Weg räumen, wenn, ja, wenn nur die Kenntnisse der Sozionik eingesetzt werden.

Was steht jedoch hinter diesen Versprechungen besserer sozialer Beziehungen, womit einst auch die herrschende Ideologie im Sowjetreich nicht gerade gegeizt hatte?

Die Entstehung der Sozionik

Die Sozionik ist allerdings keineswegs ein Kind oder Enkel der sozialistischen Weltverbesserung, wie der Name vielleicht nahe legen könnte. Ganz und gar nicht. Sie entstand vielmehr in Opposition zur herrschenden Staatsideologie. Das beweist nicht nur ihre Herkunft aus der westlichen Psychoanalyse, die zudem von einer Litauerin zur Sozionik entwickelt wurde, sondern auch das sozionische Menschenbild. Das Individuum wird nicht als beliebig formbares Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse verstanden, wie es Karl Marx einst formuliert hat. Vielmehr geht die Sozionik von invarianten Unterschieden der Menschen aus, die sich durch soziale Strukturen kaum verändern lassen. Soziale Beziehungen – und das ist der Kerngedanke der Sozionik – müssen vielmehr von der Verschiedenartigkeit der Menschen ausgehen und durch eine gezielte Kombination Konflikte vermeiden und positive Effekte für den Einzelnen, eine Arbeitsgruppe oder auch die Gesellschaft insgesamt erbringen.

Die litauische Begründerin der Sozionik


Aushra
Augusta

Aushra Augusta wurde am 4. April 1928 als Tochter eines Buchverlegers im litauischen Kaunas geboren. 1968 avancierte die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin zur Dekanin der Fakultät für Familienforschungen in der Hauptstadt Vilnius.

Begründerin der Sozionik ist keine ausgewiesene Psychologin, sondern die litauische Ökonomin Aushra Augusta, die zunächst im Finanzministerium der damaligen Sowjetrepublik und später als Lehrerin für Politische Ökonomie an verschieden Bildungseinrichtungen in Vilnius gearbeitet hat. Sie wurde 1928 als Tochter eines Verlegers in der Nähe von Kaunas geboren und lebt heute als Pensionärin in der litauischen Hauptstadt. Ihre Herkunft aus dem Bildungsbürgertum war für die weitere Entwicklung von besonderem Gewicht, denn auf diese Weise besaß sie Zugang zu Publikationen aus dem kapitalistischen Ausland, die nur während der kurzen Jahren der litauischen Unabhängigkeit bis 1940 frei erhältlich waren.

In den 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts entwickelte Frau Augusta als psychologische Autodidaktin ein ganz spezielles Interesse, das außerhalb der vorgeschriebenen und ausgetretenen marxistischen Bahnen lag. Sie grübelte über eine Beobachtung, wie sie sicherlich schon fast jeder einmal im Alltagsleben gemacht habt: Viele Menschen begegnen einander nett und verständnisvoll, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen scheinen also äußerst harmonisch zu verlaufen; aber dann erlebt man, dass dieselben Personen sich auch wieder ganz anders verhalten können, also etwa gereizt und feindselig. Die Ursache für diese Diskrepanzen fand Augusta in objektiven psychischen Merkmalen ihrer jeweiligen Mitmenschen, deren unterschiedliche Kombination dazu führt, dass sie entweder wie die Turteltauben ein harmonisches Paar bilden oder sich im anderen Fall wie Hund und Katze bekriegen. Damit drängte sich eine zentrale Folgerung, die die Sozionik zu einer sehr pragmatischen Theorie machen, praktisch schon auf. Partnerbeziehungen, Kleingruppen und damit schließlich die ganze Gesellschaft lassen sich verbessern, wenn immer die „Richtigen“ zusammen gebracht werden. Diesen Grundgedanken hat die litauische Wissenschaftlerin in verschiedenen Beiträgen zu der von begründeten Sozionik weiter ausgearbeitet.


Carl Gustav
Jung

Für die Erklärung sozialer Interaktionen standen drei psychologische Theorien Pate, und zwar vorrangig die Persönlichkeitstypen von Carl Gustav Jung (1875 – 1961), der zwischen extravertierten und introvertierten Persönlichkeiten unterscheidet, die jeweils eine der vier Wahrnehmungsfunktionen Denken, Fühlen, Empfinden und Intuition besonders entwickelt haben.

Auch beim Begründer der Psychoanalyse greift Frau Augusta nur auf einen Teilbereich seines Theoriegebäudes zurück; denn von Sigmund Freud (1856 -1939) benutzt sie nur dessen Konzept des Unbewussten, dass ähnlich wie das Bewusste menschliches Verhalten determinieren kann.

Ihr Kerngedanke, mit dem sie die Jungsche Typologie zu erklären versucht, stammt schließlich von dem im Westen relativ unbekannten polnischen Psychologen Antoni Kepinski (1918-1972), der eine Theorie des informationellen Metabolismus entwickelt hat, die jeden Menschen als ein System versteht, dass Informationen mit seiner Umwelt austauscht, indem er sie nach einem spezifischen Programm aufnimmt, verarbeitet und aussendet.

Jung und der informationelle Metabolismus

Aushra Augusta konkretisiert die Jungsche Typologie nicht nur durch eine weitere Differenzierung der ursprünglich acht Typen, sondern auch durch den Versuch, für dessen intuitiv gewonnenes System nach einer wissenschaftlichen Erklärung zu suchen. Dabei greift sie auf einen Gedanken des polnischen Psychologen Kepinski zurück, der – wohl angeregt durch die sich entwickelnde Kybernetik und Systemtheorie – die Informationsaufnahme und -verarbeitung des menschlichen Gehirns mit dem Stoffwechsel bei der Nahrungsaufnahme verglich.

Bei diesem informationellen Metabolismus unterscheiden sich die Menschen, und zwar gerade so, wie es sich in den Jungschen Typen zeigt. In dieser Gleichsetzung besteht die Grundannahme der Sozionik-Begründerin, auf der sie ihr weiteres Gedankengebäude über die unterschiedlichen Qualitäten sozialer Beziehungen errichtet.

Schon die Alltagserfahrung scheint ihre zentrale Position zu bestätigen: Individuen nehmen dieselben Informationen sehr verschieden auf, wie Berichte über dieselben Ereignisse zeigen. Während der eine über ein Wahlergebnis oder ein Fußballspiel gleich so berichtet, dass jeder Zuhörer schon mit dem ersten Satz erfährt, wessen Anhänger der Redner ist, schildert ein anderer die Situation so, also ob es sich um die Lösung einer Rechenaufgabe handeln würde, mit der er keinerlei Emotionen verbindet. Und das ist nur ein Beispiel, das sich leicht durch weitere ergänzen ließe. Augustas Interpretation der Jungschen Typologie durch die Überlegungen Kepinskis bietet hier einen Systematisierungsversuch.

Die Sozionik versteht sich jedoch nicht als eine Wissenschaft von Persönlichkeitstypisierungen, wie etwa die in den USA sehr populäre MBTI, die auf Grund derselben Herkunft aus der Jungschen Psychologie ein teilweise zum Verwechseln ähnliches Typisierungskonzept vertritt. Sie bietet vielmehr eine Analyse der Beziehungen, die sich auf Grund der Unterschiedlichkeit der Persönlichkeitstypen von Teilnehmern an Interaktionen entwickeln.

Die Vielzahl von Teilaspekten, die heute die Sozionik ausmachen, wurde nach und nach entdeckt.

Als Geburtsjahr der Sozionik gilt gemeinhin 1978, als Augustas erste Version ihrer Untersuchung zur „dualen Natur des Menschen“ entstand, die den alten griechischen Mythos vom Kugelmenschen aufgreift, der von den Göttern geteilt wurde, um ihn zu schwächen. Um diese metaphysische Strafe rückgängig zu machen, entwickelte Augusta ihre ersten Überlegungen, wie sich die richtigen Hälften finden lassen, um wieder ein Ganzes zu bilden.

Anschließend kursierten im kleinen Kreis ihre Manuskripte zur „Theorie der Intertypbeziehungen“ sowie ihre Einführung in die „Wissenschaft der Typen des informationellen Metabolismus“, ein Begriff, der von Insidern mit TIM abgekürzt wird, da er den Kern der sozionischen Theorie vom Menschen ausmacht. In dieser Studie gab sie gleichzeitig einen Ausblick auf die sozionische Struktur der Gesellschaft.

Sozionik heute

In den frühen Jahren musste sich die Sozionik als eine fast geheime Wissenschaft mehr oder weniger im Untergrund des sowjetisch beherrschen Litauens entwickeln, da sie den Lehren der mit dem Regime liierten Hochschulpsychologie widersprach. Diese Entstehungsgeschichte hat zwangsläufig ihre Ausstrahlung noch bis in die Gegenwart behalten und erklärt auch, warum sich die Sozionik mehr als eigene Wissenschaft denn als Richtung innerhalb der Psychologie oder Soziologie versteht.

Erst mit dem Verfall der marxistisch-leninistischen Staatsideologie konnte sich die Sozionik dann in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion frei entfalten. So unternahm Igor Weisband, der heute in Düsseldorf lebt, eine erste Zusammenstellung zu einem praxisorientierten Handbuch für Sozionik, das 1986 erschien und sich vor allem an, wie es hieß, „Laienpsychologen“ wandte. 1991 kam dann in Kiew die erste populär-wissenschaftliche Einführung auf den Markt, und zwar mit dem werbewirksamen Titel. „Der Schlüssel zum Herzen: Die Sozionik“.


Victor
Gulenko

Dmitri
Lytov

Tatiana
Prokofiev

Igor
Weisband

Besonders populär wurde die Sozionik schließlich 1999 durch die „Sozionik. Algebra und Geometrie der menschlichen Beziehungen“, ein Buch, das von Tatiana Prokofiev, der heutigen Leiterin einer Moskauer Sozionik-Schule verfasst wurde. Die beiden Titel illustrieren bereits sehr deutlich das Selbstverständnis dieser „neuen“ Psychologie. Sie will auf einer wissenschaftlichen Grundlage, die so invariant ist wie die ewigen Lehrsätze der Mathematik, praktische Anleitungen für eine Verbesserung des psychischen Wohlbefindens jedes Einzelnen geben.

Inzwischen sind in einigen Nachfolgestaaten der zerfallenen Sowjetunion Zentren des Sozionik entstanden, so vor allem mit dem Internationalen Sozionischen Institut und dem Ukrainischen Zentrum für Sozionik in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, diversen sozionischen Schulen, die in Abendkursen die Grundalgen der Sozionik vermitteln, und zahlreichen Beratungsangeboten in Russland sowie nicht zuletzt auch in der litauischen Heimat der Begründerin. Aber nicht nur in Metropolen wie Kiew, Sank Petersburg und Moskau treffen sich die Sozioniker, sondern es gibt inzwischen sogar in Kyrgyzstan ein entsprechendes Internet-Angebot.

Die Kommunikation erfolgt durch zwei Zeitschriften, die in Kiew und Moskau erscheinen, eine Zeitung, die über aktuelle Entwicklungen informiert, und Internet-Foren, in denen jeder über sozionische Probleme online diskutieren kann. Im Jahre 2003 beträgt schon die Liste der Bücher über Sozionik ca. 100 Titeln. Für Dmitri Lytov, den Generaldirektor des Sankt Petersburger Nordwestlichen Zentrums für soziale Technologien ist daher in Russland die Sozionik "so bekannt wie Kartoffeln".

Das Puzzle mentaler Prozesse

Mit Hilfe der Sozionik wird in den Publikationen nicht nur versucht, der eigenen Persönlichkeit und ihren Beziehungen zu den Mitmenschen auf die Spur zu kommen, sondern auch eine Vielzahl von Fragen der Architektur, Literatur, Philosophie und nicht zuletzt der Geschichte und Politik in einem neuen Licht zu sehen und zu erklären.

Um die Funktionsweise des verwendeten intellektuellen Handwerkszeugs erkennen zu können, muss man einen Blick auf die Grundannahmen werfen, von denen Aushra Augusta ausgegangen ist. Die litauische Sozialwissenschaftlerin zerlegte den Informationsaufnahme und -verarbeitungsprozess das menschliche Gehirns in acht Aspekte, die sie durch die geometrischen Figuren Kreis, Quadrat, rechtwinkliges Dreieck und Winkel darstellt:

•  die Willensempfindung , worunter sie sowohl äußere Eigenschaften von Objekten wie Form und Farbe versteht, aber auch Willenkraft und Energie,

•  die Sinnesempfindung , womit sie etwa die Wahrnehmung der Gesundheit und den Geschmack von Mahlzeiten sowie das Erleben der Sexualität zusammenfasst,

•  die Wahrscheinlichkeitsintuition , d.h. die Fähigkeit, das Wesentliche und das Mögliche zu sehen,

•  die Zeitintuition , wodurch Informationen auf einer Zeitachse erfasst werden, die erst eine gezielte Planung erlaubt,

•  die Tätigkeitslogik , die sich vor allem auf ein enzyklopädisches Wissen und Aspekte des Geldverdienens bezieht,

•  die Strukturlogik , womit die Entwicklung widerspruchsfreier theoretischer Systeme und Aussagen gemeint ist,

•  die Emotionsethik , d.h. die Fähigkeit, Gefühle und Stimmungen zu entwickeln , sowie

•  die Beziehungsethik , die vor allem die Emotionen des Zusammenlebens wie Sympathie und Antipathie umfasst.

So willkürlich diese Strukturierung auch zunächst erscheinen mag, hat sie dennoch einen großen Vorteil; denn sie stellt im Grunde nur den Versuch dar, die Jungschen Begriffe mit Hilfe einer neuen Terminologie und Symbolsprache präziser zu fassen. Die Verbindung von Jung und Kepinski und damit auch eine Erklärung der Typen bei Jung hat Augusta durch einen Kunstgriff geleistet, indem sie die acht möglichen Kombinationen der vier Jungschen Wahrnehmungsfunktionen mit den beiden Orientierungen Extraversion und Introversion zu mentalen Funktionen erklärt, für die sie eine besondere Symbolsprache einführt. Dabei werden jeweils die für Extravertierte typischen mentalen Funktionen mit weißen und die bei Introvertierten besonders gut entwickelten Fähigkeiten mit schwarzen Symbolen gekennzeichnet. Die relativ komplexe Definitionen erhalten so einprägsame visuelle und sprachliche Konturen.

Aspekte des informationellen Metabolismus

Wahrscheinlichkeitsintuition (EN)

EN: extravertiertes Intuieren (Intuition – N)

Zeitintuition (IN)

IN: introvertierte Intuition

Willensempfindung (ES)

ES: extravertiertes Empfinden (Sensing – S)

Sinnesempfindung (IS)

IS: introvertiertes Empfinden

Emotionsethik (EF)

EF: extravertiertes Fühlen (Feeling – F))

Beziehungsethik (IF)

IF: introvertiertes Fühlen

Tätigkeitslogik (ET)

ET: extravertiertes Denken (Thinking – T)

Strukturlogik (IT)

IT: introvertiertes Denken

Die in 16 Typen repräsentierte Menschheit

Wie bereits bei Jung besitzt auch für Augusta jedes Individuum eine dominante Wahrnehmungs-funktion und eine schwächer entwickelte Hilfsfunktion, also kann etwa ein extravertierer Fühltyp die Intuition oder das Empfinden als Ergänzung herausgebildet haben. Durch diese Annahme hat die Litauerin die Jungsche Typologie erweitert, indem sie die jeweilige weniger ausgeprägte sekundäre Funktion ebenfalls zur Typbildung heranzieht. Danach gibt es Denktypen, die entweder Empfinden oder Intuition als Hilfsfunktion besitzen, was keineswegs eine rein akademische Klassifikationsprozedur ist. Für Augusta steht die erste Kombination vielmehr für einen aktiven praktischen Menschen, während die andere eher einen Theoretiker als Ergebnis hat, der sogar zum Bau von Luftschlössern neigen kann.

Die Typen des informationellen Metabolismus (TIM) ergeben sich daher durch eine Ergänzung der acht dominanten Aspekte durch jeweils eine zusätzliche Funktion, wobei allerdings nicht alle mathematisch möglichen Kombinationen als real existent angesehen werden, sodass insgesamt nur sechszehn TIMs Ausgangspunkt der weiteren Diskussion sind. Die nicht entwickelten restlichen Funktionen sind daneben jedoch keinesfalls bedeutungslos, sondern müssen als verdrängt oder unbewusst gelten und können psychischen Störungen verursachen.

Die Sozionik geht von der Annahme aus, dass sich die gesamt Menschheit, also alle gegenwärtig lebenden 6,4 Mrd. Menschen, aber auch alle Verstorbenen und zukünftig Geborenen, diesen 16 TIMs zuordnen lassen und damit ganz wesentliche Aussagen über ihre Persönlichkeit gewonnen werden können. Und nicht nur das. Man verspricht auch eine Prognose für die Qualität ihrer sozialen Kontakte zu anderen Menschen, mit denen sie eine erfolgreiche intime Partnerschaft eingehen oder in einer Gruppe besonders effektiv zusammenarbeiten werden.

Das sozionische Kernschema der TIMs bleibt jedoch nicht allein eine Klassifikation von Symbolen und abstrakten Begriffen. Die Sozioniker verleihen ihm vielmehr menschliche Farbe und Wärme, indem sie jeden Typ durch ein einprägsames, charakterisierendes Typ-Etikett und ein zusätzliches Pseudonym, das aus dem Namen einer berühmten realen oder fiktiven Persönlichkeit besteht, kennzeichnen. Bisher überwiegen dabei noch mit 100% die Männer, jedoch sollen die Bemühungen der Sozionikerinnen demnächst durch einen analogen Katalog von Frauen belohnt werden.

Die sechzehn Typen des informationellen Metabolismus (TIM)

•  irrationale Typen (durch p (perceiving) gekennzeichnet) (Hauptwahrnehmungsfunktion Empfindung oder Intuition

intuitiv-logisch-extravertiert

ENTp

Erfinder

Don Quichotte

intuitiv-logisch-introvertiert

INTp

Kritiker

Balzac

intuitiv-ethisch-extravertiert

ENFp

Psychologe

Huxley

intuitiv-ethisch-introvertiert

INFp

Lyriker

Jessenin

sensorisch-logisch-extravertiert

ESTp

Stratege

Shukow

sensorisch-logisch-introvertiert

ISTp

Meister

Jean Gabin

sensorisch-ethisch-extravertiert

ESFp

Diplomat

Cäsar

sensorisch-ethisch-introvertiert

ISFp

Vermittler

Dumas

b) rationale Typen (durch j (judging) gekennzeichnet) (Hauptwahrnehmungsfunktion Logik (bei Jung: Denken) oder Ethik (Fühlen)

logisch-intuitiv-extravertiert

ENTj

Unternehmer

Jack London

logisch-intuitiv-introvertiert

INTj

Analytiker

Robespierre

logisch-sensorisch-extravertiert

ESTj

Verwalter

Sherlock Holmes

logisch-sensorisch-introvertiert

ISTj

Pragmatiker

Maxim Gorkij

ethisch-intuitiv-extravertiert

ENFj

Mentor

Hamlet

ethisch-intuitiv-introvertiert

INFj

Humanist

Dostojevskij

ethisch-sensorisch-extravertiert

ESFj

Bonvivant

Victor Hugo

ethisch-sensorisch-introvertiert

ISFj

Bewahrer

Theodor Dreiser

Die sozionischen Typen

In der ersten Phase ihrer Entwicklung konzentrierte sich die Sozionik auf die Wahl dieser Markennamen für ihre 16 TIMs und den Entwurf von Persönlichkeitsprofilen. So hat Aushra Augusta selbst mit ihrer sozionischen Methode annähernd 500 bekannte Persönlichkeiten analysiert.

Zwei Beispiele können diese psychologische Arbeit der Sozioniker veranschaulichen. So wird etwa der sensorisch-logisch Extravertierte oder Stratege, den als Typideal der russische Feldmarschall Shukov repräsentiert, als “leidenschaftsloser, auf Effektivität ausgerichteter Tatmensch“ charakterisiert, für den einzig das „Resultat seines Handelns“ zählt.

Um seine eingeschränkte Gefühlswelt näher zu illustrieren, heißt es weiter: „Ein ESTp ist kaum für Angst, Hass und andere negative Emotionen anfällig. Er wundert sich nicht und ist auch nicht neidisch. Je gefährlicher eine Situation ist, desto gesammelter und entschiedener tritt er auf.“

Diese Illustration eines Roboter-Menschen wird sogar noch weitergeführt: „In einem Gespräch über Gefühle fühlt sich ein "Stratege" nicht wohl; denn das ist einfach nicht sein Element. Und wenn er zufällig darüber ein Wort verliert, so fühlt er sich so, als ob er sich selbst verraten hätte. Er hat vor der Liebe ebenso Angst wie vor einem unverdienten Luxus, denn er wird schließlich durch alle Gefühle verängstigt. Da er andere Menschen als sich selbst ähnlich wahrnimmt, zweifelt er nicht daran, dass er auch gebraucht wird, aber er ist sich selten sicher, dass er von jemand geliebt wird.“.

Aber nicht nur die Armut an und die Angst vor Gefühlen kennzeichnen einen „Shukov“ Auf den Seiten über sozionischen Humor im Internet findet man noch ein weiteres Charakteristikum, seine fehlenden sprachlichen Nuancen:

„Wenn ein Shukov „ja“ sagt, heißt es „ja“,
wenn er „nein“ sagt, heißt es „nein“,
wenn er „kann sein“ sagt, ist er ein „Don Quichotte.“

Der intuitiv-ethisch Introvertierte oder „Lyriker“, den in der Sozionik üblicherweise der russische Poet Jessenin verkörpert, gilt hingegen als „ ein etwas schwärmerischer Romantiker, der leicht verliebt und betört ist.“ Einen "Lyriker" sieht man als einen Menschen, der „eher nachdenkt als handelt“ und dessen Gefühlswelt der des Strategen diametral gegenübersteht: „Seine Emotionalität ist so ausgeprägt, dass er ein gutes Verständnis für die Gefühle anderer Menschen hat und auch seine eigenen Gefühle nicht verbirgt.“

Die Sozioniker finden ihre Typisierungen jedoch nicht allein durch Rückschlüsse auf die Biografien prominenter Repräsentanten, sie sind vor allem gute Beobachter ihrer Mitmenschen, die auf deren Kleidung und Körpersprache achten. So wird der „Lyriker“ beispielsweise als „elegante Erscheinung“ beschreiben, die ihre Wohnung „ausgeglichen und ordentlich“ verlässt. Wenn es dann weiter heißt: „Seine weit geöffneten Augen kneifen praktisch nie zusammen. Die Augenbrauen sind in der Regel bogenförmig und sinken meistens nicht ab“, glaubt man bereits einen „Jessenin“ schon fast vor sich zu sehen. Aber man kann ihn sogar hören; denn er tritt nicht nur fast immer in einer „eleganten Haltung“ und mit plastischen und rhythmischen Bewegungen auf, sondern „sogar seine Sprachintonation klingt verfeinert“, wie es in seiner Typbeschreibung heißt.

Falls man „Lyriker“ trotz aller dieser Hinweisen immer noch nicht identifiziert hat, kann ein Hausbesuch letzte Klarheit verschaffen. Ordnungsliebende werden dann durch „ein wahres Chaos“ abgeschreckt, in dem der lyrische Wohnungsinhaber seinen Gästen nicht einmal einen Platz anbietet, sondern ihnen diese schwierige Aufgabe in der nicht aufgeräumten Wohnung selbst überlässt

Sozionik live: die Typisierung von Promis

Ein besonders beliebtes Arbeitsfeld der Sozioniker ist die Typisierung von prominenten Persönlichkeiten der Weltgeschichte, aber auch der Promis der Gegenwart und nicht zuletzt sogar von Charakteren berühmter Romane. Den Anfang machte Aushra Augusta mit ihren Zuordnungen von fast 500 Personen, womit sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen konnte. Zum einen ließen sich auf diese Weise ihre Typbeschreibungen mit Beispielen von konkreten Personen lebendiger gestalten, und zum anderen wird auf dieser Grundlage das Handeln weltgeschichtlicher Akteure von Julius Cäsar bis Napoleon als „typgemäß“ erklärbar, sodass sich für die Interpretation historischer Entscheidungen, die Gestaltung von Bau- und Kunstwerken oder auch die Verhaltensweise von Romanfiguren neue Aspekte gewinnen lassen. Die jeweiligen Akteure haben eben in der Regel ihrem Typ gemäß gehandelt oder mussten auf Grund innerer oder äußerer Zwänge unter psychischen Qualen von ihrem typischen Handlungsschema abweichen.

Diese neue Betrachtungsweise kann zu Überraschungen führen, die eingeschliffene Beurteilungen relativieren. So gehören beispielsweise für die Sozioniker politische Führer wie der Nationalsozialist Hitler und der kommunistische Internationalist Trotzki zu demselben Typ ENFj, ganz egal, was sie im Leben zu erbitterten Feinden gemacht haben mag. Schließlich waren sie beide gute Redner, die eine aufgebrachte und sogar entmutigte Menge unzufriedener Menschen auf Grund ihrer massenpsychologischen Fähigkeiten (F) motivieren und lenken konnten, aber gleichzeitig schlechte Organisatoren. Zudem verabscheuten beide Details (N) und harte Arbeit.

Unter den fast 500 bekannten Persönlichkeiten und Charakteren aus der Literatur, wie Don Quichotte, Hamlet, Vater und Söhne Karamasow, Othello und Sherlock Holmes, die Aushra Augusta einem der sechszehn Typen zugeordnet hat , befinden sich nicht wenige aus dem "Volk der Dichter und Denker", also aus dem deutschsprachigen Raum.

Einige typisierte Mitteleuropäer:

Persönlichkeit Beruf Typ Typ-Etikett

Adenauer, Konrad

Bundeskanzler

ESTj

Verwalter

Bebel, August

Politiker

INTp

Kritiker

Celan, Paul

Dichter

INFp

Lyriker

Dietrich, Marlene

Schauspielerin

ESTj

Verwalter

Dürrenmatt, Friedrich

Schriftsteller

ISTp

Meister

Einstein, Albert

Physiker

ENTp

Erfinder

Friedrich II

König

ENFj

Mentor

Goethe, Johann Wolfgang

Dichter/ Minister/ Physiker

ENFj

Mentor

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich

Philosoph

ISTj

Pragmatiker

Hölderlin, Friedrich

Dichter

ENFj

Mentor

Jung, Carl Gustav

Psychologe/ Arzt

INTj

Analytiker

Kant, Immanuel

Philosoph

INTj

Analytiker

Luther, Martin

Theologe

ISTj

Pragmatiker

Mozart, Wolfgang Amadeus

Komponist

ENFp

Psychologe

Nietzsche, Friedrich Philosoph, Komponist ENFj Mentor

Pauli, Wolfgang

Physiker

INTp

Kritiker

Schelling, Friedrich Wilhelm

Philosoph

INFp

Lyriker

Schiller, Friedrich

Dichter, Historiker

INTj

Analytiker

Schliemann, Heinrich

Archäologe

ESFj

Bonvivant

Schrödinger, Erwin

Physiker

INTj

Analytiker

Schweitzer, Albert

Arzt/ Theologe

ENTp

Erfinder

Wagner, Richard Komponist ESTp Stratege

Derartige Typisierungen können zu vielfältigen Überlegungen anregen. So lässt sich beispielsweise versuchen, die Unterschiede der beiden Koryphäen der deutschen Klassik, Goethe und Schiller, aus ihrem jeweiligen Typ zu erklären und Gemeinsamkeiten von „Kritikern“ wie dem SPD-Mitbegründer Bebel und dem Königsberger Philosophen Kant zu erkennen, auch wenn der eine den Kapitalismus und der andere die Aufklärung und mit ihr die reine Vernunft kritisch hinterfragt hat. Ebenso kann man darüber spekulieren, was geschehen wäre, wenn Luther keine Pragmatiker gewesen wäre, der sich mit der weltlichen Macht rasch arrangiert hat, sondern eher ein Rigorist wie sein Gegenspieler Thomas Müntzer, der die aufständischen Bauern anführte. Die Sozionik eröffnet so zahllose Möglichkeiten für Interpretationsversuche und konditionale Denkspiele.

Besonders beliebt ist auch die Typisierung von führenden Politiker der Gegenwart, so etwa des russischen Präsidenten Putin. Anhand seiner Biografie als Judoka und Geheimdienstmitarbeiter, aber auch seiner Gestik, Mimik und Wortwahl in Fernsehansprachen diskutieren die Sozioniker in ihren Foren und Zeitungen darüber, ob er nun eher sensitiv oder intuitiv seine Umwelt wahrnimmt, da man ihn generell für einen introvertiven Denktyp hält. Auch wenn er offensichtlich vielen Details seine Aufmerksamkeit schenkt, steht bei ihm ein Gedanke im Vordergrund, und zwar die nationale Idee, die sich in dem Ausspruch "eine Nation, ein Land, ein Präsident" manifestiert, sodass man Putin mit der Gaulle vergleicht und ihn als INTp einstuft. So lautet jedenfalls das Urteil des Sankt Petersburger Sozionikers Talanov in seinem 2001 veröffentlichten „Psychologischen Portrait von Vladimir Putin“. Aber es gibt eben auch andere Positionen, die offen diskutiert werden, wie die konkurrierender Moskauer Typkenner, die im Präsidenten eher einen ISTj sehen. Schließlich können Argumente und Diskussionen in der Sozionik durchaus zu Neueinschätzungen führen. So war etwa Napoleon für Augusta ein Diplomat, während später unter den Sozionikern eher eine logische Funktion angenommen wurde, sodass sich inzwischen eine Zuordnung zum Typ des „Strategen“ durchgesetzt hat und sogar das alte Pseudonym des sensorisch-ethisch Extravertierten durch „Caesar“ substituiert werden musste.

Sozionische Elementargesetze des sozialen Lebens

Die Sozioniker vergleichen ihr System von Typbeziehungen gern mit dem periodischen System der Elemente, das der russische Chemiker Mendelejew 1869 vorgeschlagen hat und auf Grund dessen anfänglichen Leerstellen sich das Vorhandensein und sogar die Eigenschaften erst viel später entdeckter Elemente wie Gallium, Scandium und Germanium prognostizieren ließen.

Die Verbindung zwischen beiden Systemen ergibt sich dabei aus dem Bild, das schon Goethe als Titel für seinen Roman "Die Wahlverwandtschaften gewählt hat. Wie aus dem periodischen System erkennbar ist, welche Elemente mit einander stabile chemischen Verbindungen eingehen können, sollen das sozionische System dasselbe für soziale Beziehungen leisten.

Für die Sozionik ähnelt die US-amerikanische Persönlichkeitstypologie, die über keine entsprechende Klassifikation von Beziehungen verfügt, daher der schülerhaften Beschäftigung mit den Grundrechnarten, während man es selbst mit der höheren Mathematik zu tun hat. Die notwendige Voraussetzung für diese Ausflüge in neue soziale Denkwelten bleibt die Bestimmung des jeweiligen Typs, da eben bei einer Verwechslung von Eisen und Kupfer oder Zinn und Zink alle weiteren Prognosen obsolet werden.

Quadras, Klubs und Sozione

Auch unter den Inter-Typ-Beziehungenspiel die 16 wieder eine entscheidende Rolle, denn Augusta und ihre Schüler V. Leskevicius und N.N. Medvedev, der später als sozialdemokratischer Abgeordneter ins litauischen Parlament gewählt wurde, haben auf Grund der unterschiedlich ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale der beiden Partner in einer Zweierbeziehung sechzehn Beziehungstypen, wie sie die Tabelle auflistet, herausgearbeitet und beschrieben. Die „Begünstigung“ und „Supervision“ bzw „Kontrolle“ müssen dabei doppelt gezählt werden, da sie keine symmetrischen Beziehungen darstellen.

Betrachtet man nicht nur Dyaden, sondern größere Gruppen wird das Beziehungsgeflecht entsprechend komplex, da die Zahl der möglichen Kombinationen exponential ansteigt. Aber auch in diesem Meer von Möglichkeiten haben die Sozioniker eine Ordnung gefunden, indem sie einige Gruppen entsprechend ihren jeweiligen Spezifika besonders benennen und damit herausstellen. Dabei handelt es sich vor allem um Gruppen mit Eigenschaften, die wichtige Beiträge für eine sozionisch geordnete, harmonische Gesellschaft leisten sollen.

Eine ganz zentrale Bedeutung kommt der Quadra zu, die nach einem Aphorismus „alles kann“.

Zur Begründung werden die vier Beziehungstypen Dualität, Aktivierung, Identität und Spiegelung angeführt, die konfliktfreie Interaktionen garantieren sollen und sich damit für Freundschaften besonders eignen.

Die vier Quadras und ihre Zusammensetzung

Alpha Quadra

Erfinder- Vermittler- Bonvivant- Analytiker

Beta Quadra

Mentor- Pragmatiker- Stratege- Lyriker

Gamma Quadra

Diplomat- Kritiker-Unternehmer- Bewahrer

Delta Quadra

Verwalter- Humanist- Psychologe Meister

Einen anderen Charakter besitzt ein Klub, der sich vor allem als Auswahlprinzip für Brain-storm-Gruppen empfiehlt, da sich in ihm besonders gut intellektuelle Leistungen generieren lassen.

Ausschlaggebend für diesen Effekt sollen wiederum die bestehenden Beziehungstypen sein. So hilft die Spiegel-Beziehung dabei, jeweils die andere Hälfte der äußeren Welt zu sehen, während dasselbe von der Quasi-Identität für die innere Welt gilt. Der dritte Typ, der Gegensatz, kann schließlich jeden auf die konträre Seite aufmerksam machen, die sonst leicht übersehen wird, obwohl sie für die Entwicklung und vor allem Durchsetzung der Ergebnisse auch gegenüber Skeptikern und Kritikern sehr wichtig ist.

Dank der Beziehungsstruktur kann eine rege intellektuelle Aktivität erfolgen, ohne dass die Teilnehmer schnell ermüden. Allerdings kann ein Klub die gefundenen Problemlösungen nicht praktisch umsetzen, der er anders als die Quadra keine Ganzheit bildet.

Personalitätstypen in „Klubs“

Klub

 

Typen

Humanitäre

NF

Psychologe – Humanist – Mentor – Lyriker

Forscher

NT

Erfinder – Analytiker – Unternehmer – Kritiker

Praktiker

ST

Stratege – Pragmatiker – Verwalter – Meister

Sozialmenschen

SF

Diplomat – Bewahrer – Bonvivant – Vermittler

Neben Quadras und Klubs kennt die Sozionik noch eine Reihe weiterer Gruppen mit besonderen Eigenschaften. Hierzu zählen heilende Gruppen, in denen die Mitglieder gegenseitig therapeutische Wirkungen besitzen. So gibt es Untersuchungen, nach denen auf Grund dieser besonderen Gruppenstruktur der Blutdruck gesunken und auch ein insgesamt beruhigende Wirkung eingetreten ist. Aber man findet auch das Gegenteil: Beziehungen und Gruppen, die krank machen.

Sozionische Erkenntnisse lassen sich jedoch nicht nur im Gesundheitswesen nutzen, sondern in Organisationen generell, da sich hier auf spezifische Kontroll- und Weisungsschleifen zurückgreifen lässt, die ebenfalls mit Hilfe der Persönlichkeits- und ihren Beziehungstypen entwickelt wurden.

Alle diese Gruppen sind jedoch nur Teile, die erst im Sozion, d.h. einer Gruppe, in der alle 16 Typen vertreten sind, komplett wird. Nur in dieser sozialen Ganzheit wird die Umwelt adäquat und vollständig wahrgenommen, sodass ohne Defizite kreativ und dynamisch gehandelt werden kann. Diese Sicht des Sozions hebt damit nochmals die Wichtigkeit jedes Typs heraus, der mit seinen Stärken und Schwächen benötigt wird, damit eine voll funktionsfähige Einheit entstehen kann.

Die Dualität als Idealmolekül des sozialen Lebens

Mit dem Aufsatz "Die duale Natur des Menschen" lassen viele Sozioniker ihre „“Wissenschaft von der Komplementarität“ beginnen; denn für Aushra Augusta ist die Dualisierung ein ganz zentrales Prinzip der Biologie, ja, sie hält diesen Mechanismus nicht nur "für eine notwendige Bedingung der erfolgreichen mentalen Funktionsfähigkeit, sondern auch der physischen des Organismus schlechthin“. Damit gewinnt unter den sechzehn Beziehungstypen die Dualität einen herausragenden Stellenwert, sie wird quasi zum Midasstab, der die sozionische Vervollkommnung er Welt in Gang setzen soll.

Der Sozioniker Shulman stimmt daher sogar eine besondere Ode auf die duale Beziehung an: "In der dualen Partnerschaft vergessen die Menschen beispielsweise was Komplexe sind. Es gibt sie einfach nicht. Die Partner fühlen sich befreit, und sind sich sicher, dass sie gebraucht werden und nützlich sind." Die Erfahrungen in einer dualen Beziehung sollen also Minderwertigkeitsgefühle abbauen und das Selbstwertgefühl stärken, aber auch die Gefahren für die psychische Gesundheit bannen, die aus verdrängten Mentalfunktionen drohen. Freud, Adler und andere Psychoanalytiker hätten sich somit aus der Sicht der Sozioniker viele lange Therapiestunden ersparen können, wenn sie nicht Traumata der Kindheit ihrer Patienten mühsam aufgearbeitet, sondern ganz pragmatisch nach einem Dual gesucht hätten.

Die Dualität soll eine größtmögliche Ergänzung im Informationsprozess leisten, ohne dass es bei der Umsetzung im Handeln zu Konflikten kommt. Eine duale Beziehung verbindet daher gegensätzliche Eigenschaften, wobei jedoch für beide Partner entweder der Vorrang der rationalen Wahrnehmungsfunktionen, also F bzw. T, oder der irrationalen N und S gelten muss. Falls diese Übereinstimmung nicht gilt, müssten die Partner in unterschiedlichen Lebensrhythmen wahnehmen und entscheiden, wodurch für die Sozioniker die Beziehung „Konflikt“ eintritt. Zwischen dem Himmel auf Erden, der mit der Dualität versprochen wird, und der Hölle, die mit der konfligierenden Beziehung droht, liegt also nur ein sehr kleiner Unterschied, der sich in zwei Buchstaben bzw. der Reihenfolge von zwei Buchstaben ausgedrückt.

Mit dieser Beurteilung von Partnerbeziehungen geben die Sozioniker ihre Treue gegenüber der Jungschen Persönlichkeitstypologie auf; denn ihre Vaterfigur teilt diese Hypothesen keineswegs. So sind für Jung zwar die beiden Einstellungstypen Extraversion und Introversion " für eine Symbiose. . wie geschaffen", denn "der eine besorgt die Überlegung und der andere die Initiative und das praktische Handeln. Wenn sich die beiden Typen heiraten, so können sie zusammen eine ideale Ehe zustande bringen." Allerdings schränkt er dieses Lob der Komplementarität sogleich wieder ein, weil die Vorteile von den Betroffenen meist nur in Zeiten der Not gern gesehen werden. Probleme treten für Jung auf, wenn ein Glücksfall wie eine Erbschaft das heterogene Paar "trifft" “Vorher standen sie Rücken an Rücken und wehrten sich gegen die Not. Jetzt aber wenden sie sich einander zu und wollen sich verstehen – und entdecken, dass sie sich nie verstanden haben." Daraus folgt dann ein intensiver Konflikt, über den Jung feststellt: "Dieser Streit ist giftig, gewalttätig und voll gegenseitiger Entwertung, auch wenn er ganz leise im Allerintimsten geführt wird"

Für Jung kann sich dieser Ehekrieg, der letzthin auf die unterschiedliche Typzugehörigkeit der Partner zurückzuführen ist, sogar noch verschärfen, wenn auch die Urteilsfunktionen differieren, wie etwa beim Empfindungs- und Intuitionstyp. Da nach seinem Urteil der extravertierte Empfindungstyp am weitesten von einer inneren Erfahrung entfernt ist, richtet er sich nach Tatsachen, die für Intuitive die "Hölle" sind. In einer Ehe hat diese Kombination dann für Jung ein gravierendes Konfliktpotenzial. "Wenn diese beide – die extravertierte Empfindung und die introvertierte Intuition – eine Ehe schließen, dann gibt es Kummer, das kann ich Ihnen versichern." So sein vernichtendes Urteil über „ungleiche“ Ehen in einem Interview mit Richard I. Evans.

Lässt sich damit bei Jung keine Bestätigung für das Konzept von einer Komplementarität erfordernden Dualität des Menschen finden, wie es Augusta entwickelt hatte, erhielt sie durch ein 1980 in den USA erschienenes frühes Buch zur Computerpsychologie die erhofften empirischen Argumente. Ben Shneiderman, damals Assistenzprofessor an der Universität von Maryland, griff in seiner "Software Psychology" ebenfalls auf die Jungsche Typisierung zurück und unterstützte die These von den Vorzügen der Komplementarität. Auch für ihn beinhalten die Wahrnehmungstypen ganz unterschiedliche Fokussierungen der Aufmerksamkeit und damit der Informationsgewinnung entweder auf Fakten (S) oder Möglichkeiten (N), die dann jeweils in einer unpersönlichen Analyse (T) oder mit persönlicher Wärme(F) ausgewertet werden. Die Persönlichkeitstypen sind daher für unterschiedliche Berufe geeignet, so etwa STs als Buchhalter, SFs als Sozialarbeiter, NTs als Wissenschaftler und NFs als Priester oder Psychologen, ja, sogar bei der Wahl eines medizinischen Berufs kann dieses Schema hilfreich sein. Die Allgemeinmedizin empfiehlt sich für SFs, während Spezialisierungen in die Chirurgie (ST), Kardiologie (NT) oder Psychiatrie (NF) sich eher für die Angehörigen der anderen Typen anbieten.

Für die von ihm allein thematisierten Programmierergruppen machte Shneiderman dann eine Aussage, die Augusta einen wohl lange ersehnten Beleg für ihre Dualitätshypothese brachte, der von einem sozionisch völlig unbedarften Autor für ganz konkrete Fällte gefunden wurde. Dort hieß es lapidar und doch mit so großer Tragweite für die entstehende Sozionik: "Gute Teams bestehen nicht notwendigerweise aus denselben Persönlichkeitstypen, sondern sie können von der Kombination komplementärer Persönlichkeiten profitieren". Diese Vorteile werden dann detailliert erläutert, wenn jeweils ganz konkret aufgelistet wird, warum ein Denker einen Fühler und umgekehrt bzw. warum ein Intuitiver einen Empfinder und umgekehrt benötigt. Ja, Shn e iderman spricht ausdrücklich davon, dass sie sich "brauchen", womit Augusta praktisch ein bestätigendes Schulterklopfen über den großen Teich und Eisernen Vorhang hinweg erhielt. Vereinfacht gesprochen besteht die Notwendigkeit auf der F-T-Ebene in der Verbindung von sachlich-analytischen Fähigkeiten mit Menschenkenntnis und Motivationsgewinnung, während konkrete Fakten- und Gegenwartskenntnisse auf der N-S-Ebene durch Einfallsreichtum und das frühe Erkennen von Entwicklungschancen ergänzt werden müssen.

Duale Ehen – glückliche Ehen

Unter dem halben Tausend Persönlichkeiten, die Augusta typisierte, finden sich nur zwei Ehepaare, und zwar die des Begründers der biologischen Evolutionstheorie Darwin und des deutschen Dichterfürsten Goethe. Die Verbindung des Universalgenies Goethe (ENFj) mit der Blumenbinderin Christiane Vulpius (ISTj) verdient dabei besondere Beachtung, denn sie verkörpert nach Augusta die Idealbeziehung, die Dualität.

Hatte Darwin vor seiner Heirat eine komplizierte Kosten-Nutzen-Analyse aufgestellt und sich dann für die Ehe entschieden, weil er nicht wie ein Tier leben wollte, stand die Weimarer Beziehung unter ganz anderen Sternen. An einem Juli-Tag sprach die dreiundzwanzigjährige Christiane den sechzehn Jahre älteren einflussreichen Geheimrat an, um ihm ein Bittgesuch ihres Bruders Christian zu übereichen, der von Arbeitslosigkeit bedroht war.

Über die Nacht dieses Tages gibt es nur Vermutungen, Tatsache ist jedoch, dass Christiane ein paar Tage später bei Goethe einzog und der berühmte Dichter und Minister seine "kleine Hausfreundin", wie er Christiane in der Öffentlichkeit nannte, nach achtzehn Jahren "wilder Ehe" offiziell heiratete. Als Christiane, die als "sinnlich" und auf "Vergnügungen ausgehend" beschrieben wird, nach achtundzwanzig Jahren harmonischer Lebensgemeinschaft starb, ließ Goethe folgende Zeilen auf ihren Grabstein schreiben:

"Du versuchst, o Sonne, vergebens,
Durch die düstren Wolken zu scheinen.
Der ganze Gewinn meines Lebens
Ist, ihren Verlust zu beweinen."

Wie der Titel des Gedichtes es so einfach ausdrückt, das er seiner Christiane zum fünfundzwanzigsten Jahrestag ihres Kennenlernens widmete, hatte Goethe in ihr seine Lebenspartnerin "gefunden".

Gefunden

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grub's mit allen
Den Würzlein aus.
Zum Garten trug ich's
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Was macht nun die Besonderheit dieser Beziehung des Frauenkenners Goethe aus? Auf Grund der Standes-, Bildungs- und Altersunterschiede, vor allem aber der Ablehnung durch die höfische Gesellschaft Weimars, in der Goethe als Minister und enger Freud der herzoglichen Familie lebte, schien fast alles gegen eine stabile Beziehung zwischen der lebenslustigen Christiane, die gern tanzte, aß und trank – vor allem Champagner -, und dem gesetzten Geheimrat zu sprechen, der nicht zuletzt für seine Arbeit Einsamkeit, Ruhe und äußere Distanz brauchte.

Aber alle Erwartungen des kleinstädtischen Klatsches über eine bestenfalls kurzfristige Liaison mit "Goethes dicker Hälfte" oder "rundem Nichts“ , wie man spitz bemerkte, gingen in die Irre. Das "kleine Naturwesen" war für Goethe ein wahrer "Hausschatz", der seinem "geheimen Rat" liebend und helfend zur Seite stand. So schreibt Sigrid Damm in ihrer 1998 erschienenen Recherche "Christiane und Goethe": In seiner Lebensmitte ist eine Frau für ihn wichtig, die...ihm Behagen, Behaglichkeit in weitesten Sinne schafft: im Bett, am Tisch, im Haus."

Zieht man aus den Dichtungen dieses „Mentors“, zu denen ihn seine irdischen Musen inspiriert haben, Rückschlüsse auf seine jeweilige psychische Befindlichkeit, so strahlt seine Zeit mit der „Pragmatikerin“ Christiane Zufriedenheit aus, die auf einem sinnlichen Wohlfühlen und einem Verzicht auf Tragik und Spannung gründet.

Dualität und guter Sex

Alexander Bukalov, der Direktor des Kiewer Internationalen Sozionischen Instituts und Herausgeber des Fachblattes Sozionik, verspricht den sozionisch Informierten, die einen Angehörigen ihres Dualtyps als Intimpartner wählen, nicht nur eine hilfreiche Ergänzung, sondern noch dazu guten Sex. Der sieht, wie könnte es im Rahmen dieser Laudatio auf die menschlichen Unterschiede auch anders sein, konkret durchaus verschieden aus. Es kommt ganz auf die jeweilige Quadra an. So sind es in der Alpha-Quadra zärtliche Streicheleinheiten und Liebkosungen, während es in der Beta-Quadra schon erheblich leidenschaftlicher zur Sache geht. Das Sexprogramm besteht hier zunächst aus sehr kräftigen Umarmungen, denen dann während des Koitus klare Kommandos folgen können. In der dritten Quadra wird hingegen die Sexakrobatik bevorzugt, die eine Variation der Positionen erlaubt. Einen ganz anderen Charakter nimmt das Intimverhalten schließlich in der Delta-Quadra an, wo Spiele, Lachen und ein zärtliches Kneifen typisch sind.

Aber damit ist das Hohelied auf duale Beziehungen noch nicht bei der letzten Strophe angelangt. Das versprochene Glück ist keineswegs nur fleischlich. Wer einen Dual umarmt hat, wird nie mehr einen anderen Partner wollen, denn wenn es wahre Liebe gibt, kann sie nur in einer dualen Beziehung erlebt werden. Mit dieser Verheißung wirbt jedenfalls ein sozionischer Anbieter für das Online-Dating. Die sozionischen Typen besitzen somit nicht nur kleine Unterschiede in der Informationsverarbeitung, sondern aus diesen abweichenden Stärken und Schwächen ergeben sich wunderbare Chancen, wenn man sie nur als Eingeweihter in die Geheimnisse sozialer Beziehungen richtig zu nutzen versteht.

Jeder kritische Leser muss sich zwangsläufig fragen, wie sich derartige Aussagen gewinnen und zu Glückbotschaften verarbeiten lassen, da sich allein schon die Bestimmung des Typs so schwierig gestaltet und sich die empirische Sexualforschung in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion bisher nicht gerade besondere Meriten erworben hat. Die Ukraine ist schließlich in Westeuropa eher dadurch bekannt, dass sie die hiesige Sexindustrie mit frischer Ware versorgt. Die Quelle dürften daher vor allem idealtypische Verallgemeinerungen sein, indem man für jeden Typ einige bekannte

Persönlichkeiten identifiziert, über die es biografisches Material gibt, das dann auf alle Angehörigen des jeweiligen Typs übertragen wird.

Wie sieht es nun in der Realität mit den dualen Beziehungen aus? Auch wenn die empirische Überprüfung der sozionischen Hypothesen noch in den Kinderschuhen steckt, gibt es erste aufschlussreiche Ergebnisse. So haben zwei Sozioniker die Häufigkeit dualer Beziehungen in bestehenden Ehen untersucht. Es geht also um die Frage, ob sich Duale wie Johann Wolfgang Goethe und Christiane Vulpius wirklich besonders häufig in der Realität finden und in einer lange Partnerschaft leben oder diese Annahme nur graue Theorie ist, die an einem Schreibtisch anhand hin- und hergeschobener geometrischer Figuren ertüfftelt wurde.

1999 sind gleich zwei Untersuchungen dieser Frage nachgegangen, die zwangsläufig über die besonderer Qualität dieser Beziehungen noch nicht gerade viel aussagt. Die Daten A.V. Bukalovs konnten jeden Anhänger der Sozionik glücklich machen, denn danach wurden mit 45% fast die Hälfte aller Ehen als duale Beziehungen klassifiziert. Aber die Freude über die Bestätigung der Theorie währte nur sehr kurz, denn im selben Jahr fand Filatova nur einen Wert von 15,6%, ohne dass die Autorin diese gewaltige Diskrepanz erklären konnte.

Denkbar bleibt so, dass ein Grund in der Typisierung der Ehepartner liegt, denn auf einer Internet-Seite zum Humor für Sozioniker findet sich die Empfehlung: „Nenne mir deinen Dual, und ich sage dir, welcher Typ du bist.“

Damit bleibt es völlig offen, ob das Paar aus Weimar der duale Durchschnitt ist oder nur ein Glücksfall der Sinnlichkeit war. Vielleicht kommt es auch weniger auf die Dualität als auf die jeweiligen Typen an, denn auch die von ihrer Emotionalität her so kontroversen "Strategen" und "Lyriker" sind Duale, die sich vermutlich in einem ständigen Clinch über Gefühlsduselei und Gefühlskälte verklammern dürften, den nur Masochisten als Bereicherung ihres Lebens erfahren können.

Die Typbestimmung

Die stark belastete Achillesferse der Sozionik ist die Bestimmung des Typs, dem ein Individuum zuzurechnen ist, da von dieser Klassifikation jede Beratung und jede Empfehlung für geeignete Lebenspartner, Freundschaften und alle Formen erfolgreicher sozialer Integration schlechthin abhängt.

Die Bezüge auf Freud und seine Verweise auf Verdrängungen und das Unbewusste bereiten hier empirische Erfassungsprobleme, denn unter diesen theoretischen Annahmen lässt sich nur sehr bedingt vom Phänotypus eines Menschen auf dessen TIM schließen. Hier sollen indirektere Verfahren weiterhelfen, die sich sogar auf das jeweilige eigene Wunschbild beziehen.

Bisher bestand daher in der Sozionik auch eine ausgeprägte Skepsis gegenüber psychologischen Testverfahren, ganz anders als bei ihrer amerikanischen Stiefschwester, die, wie schon der Name MBTI (Myers-Briggs-Type-Indicator) zum Ausdruck bringt, weniger Theorie als Erhebungsempirie ist. Die Sozioniker stützen sich hingegen vielmehr auf ihre Intuition und ihre Erfahrungen in der Beobachtung ihrer Mitmenschen, wobei sie auf deren Verhalten, Kleidung und gesamte Körpersprache achten. Aber auch typische Sprachwendungen dienen als Indizien. So drückt sich etwa für Sharova die innere oder Systemlogik darin aus, dass ein introvertierter Denktyp häufig die Floskel "denke ich" und kausale oder konsekutive Schlussfolgerungen mit den entsprechenden Konjunktionen wie „wie“ und „infolge“ benutzt.

Die äußerliche Logik wird hingegen durch eine Wendung wie "bekanntlich" und Aufzählungen nach dem Schema "Erstens, zweitens usw." angezeigt. Entsprechendes findet sie auch für die übrigen Aspekte. Falls jemand besonders häufig schildert, was ihm gefällt oder missfällt, spricht das für ausgeprägte inneren Emotionen, während etwa sehr detailliert beschriebene körperliche Empfinden auf eine dominante innere Sensorik hinweisen und entsprechende Schilderungen von Handlungen auf eine ausgeprägte äußere Sensorik.

Aber es gibt auch noch andere Methoden. Wenn sich die Gehirnschaltungen und damit der informationelle Metabolismus zumindest bisher nicht direkt erfassen lassen, kann möglicherweise eine Alltagserfahrung weiterhelfen. Schließlich hat schon jeder bemerkt, dass man auch trotz einer sehr kunstvollen Verpackung sehr häufig auf deren Inhalt schließen kann. Ein Sack, in dem sich Heu befindet, sieht eben ganz aus als ein Sack, in dem Kartoffel aufbewahrt werden, wie es ein Sozioniker ganz ländlich-prosaisch formuliert hat. Auf Grund dieser Beobachtung hat Filatova daher den Versuch unternommen, die sozionischen Typen nach dem Gesicht der Menschen zu identifizieren. Weil dabei angeblich die Angehörigen jedes Typs sehr ähnlich, ja, häufig sogar identisch aussehen, glaubt sie mit der sozionischen Theorie sogar das Problem der Doppelgänger gelöst zu haben.

Die Psyche der Völker und der Fortschritt

Aber nicht nur die Leistungsfähigkeit und das Glück in Kleingruppen sind ein Thema der Sozionik. Es hat sich auch bereits zusätzlich eine Ethno- und Geschichtssozionik entwickelt, indem das Typisierungsinstrumentarium auf Völker, Kulturen sowie geschichtliche Persönlichkeiten und Epochen übertragen wird, um sich mit der nationalen Mentalität oder der „Seele eines Volkes“, wie es heißt, beschäftigen zu können. Die Sozioniker verstehen dabei Völker und Kulturen als Kollektivorganismen, die ganz analog zum Individuum Informationen in unterschiedlicher Weise aufnehmen und verarbeiten können. So sieht man die Engländer als logisch-sensorisch Extravertierte (ESTj) und ihre Vettern in den USA als logisch-intuitiv Extravertierte (ENTj. Die Japaner und Ukrainer gelten hingegen als introvertierte Völker, und zwar in ersten Fall als sensorisch-logisch (ISTp) und im zweiten als ethisch-intuitiv (INFj).

Diese Typisierungen bleiben jedoch kein Selbstzweck, sondern werden für weitere Analysen verwendet. Nationen bevorzugen danach Präsidenten, die dem jeweiligen Dualtyp angehören. Als Beleg dient eine Fernsehsendung, in der sich die Ukrainer unter ihren bekanntesten Schauspielern – damals wohl durch die Karriere Ronald Reagans und noch nicht Arnold Schwarzeneggers angeregt – einen Wunschpräsidenten auswählen konnten und sich mit überwältigender Mehrheit für einen ESTj entschieden.

Zwangsläufig vergleichen die Sozioniker in der Nachfolgestaaten der Sowjetunion ihre soziale Situation auch mit der in den westlichen Ländern und dort vor allem in den USA. Eine ihre Thesen für den Entwicklungsunterschied, den man sogar auf ein entsprechendes „Gesetz des sozialen Fortschritts“ zurückführt, ist dabei das Fehlen extravertierter Persönlichkeiten an der Staatsspitze, die sich anders als introvertierte vorrangig für die ökonomische Entwicklung einsetzen sollen. So wies eine sozionische Analyse durch den Augusta-Mitarbeiter Jury Zolotarev, die er 1998 über die damalige litauische Regierung durchführte, die Mitglieder in ihrer Mehrheit als logisch-sensorisch Introvertierte aus, die damit zwar den Volkscharakter ihres Landes repräsentierten, aber als wenig geeignet für die zukünftige Entwicklung eingeschätzt wurden.

Sozionische Gesellschaftsutopien

Das sind die konkreten Leistungen der sozionischen Interpretation von Persönlichkeiten und Gesellschaften. Aber es gibt auch soziale Utopien, nach denen die Gesellschaft generell nach sozionischen Kriterien umgebaut werden soll, um alle ihre Mitglieder glücklicher zu machen. In diesem irdischen Jerusalem bestehen Freundschafts- und Intimbeziehungen aus Dualitäten, kleine Arbeits- und Freizeitgruppen setzen sich aus Quadras zusammen und größere Organisationseinheiten sind jeweils Sozione.

Eine solche Organisation der Gesellschaft und der Politik, wie immer sie konkret aussehen mag, soll sogar der Parteiendemokratie überlegen sein, und das aus einem ganz einfachen Grund. Die Sozioniker wollen zwar nicht wie einst Plato die Regierung an die philosophierenden Weisen delegieren, aber alles nach sozionischen Prinzipien organisieren. „Es ist Zeit, die natürlichen Gesetze nicht weiter zu ignorieren, sondern sie zu akzeptieren und so in Harmonie mit sich selbst und seiner Umwelt zu leben“, lautet so beispielsweise eine Empfehlung ukrainischen Sozioniker.

Dieses sozionische Idealbild muss zwangsläufig an Grenzen stoßen. Einige sind bereits in den sozionischen Strukturen selbst vorgegeben, denn bereits die Häufigkeit der Typen schließt eine Realisierung aus. Der Natur hat es jedenfalls gefallen, dass die einzelnen Typen keineswegs gleich häufig sind. Auch wenn die Typbestimmung nicht unstrittig ist, zeigen die sozionischen Quellen selbst diese deutlichen Diskrepanzen, die sich nicht allein auf Messfehler zurückführen lassen.

Aber auch die Fragen der Herrschaft und ihrer Legitimation gerade in einer sozionisch organisierten globalen Weltgesellschaft bleiben völlig offen. Nicht jedes Gremium wird sich hier aus sechszehn Mitgliedern jeweils eines bestimmten Typs bilden lassen.

Allerdings dürfen auch die Vorzüge eines Sozions etwa in einem Kabinett oder einem Gemeinderat nicht übersehen werden. Gremien, deren Mitglieder unterschiedlichen Typen zugehören, wären sicherlich ein relativ guter Schutz vor der Herrschaft von Gerechtigkeitsfanatikern wie Robespierre, gefühlskalten und menschenverachtenden „Strategen“ oder vor von Visionen besessenen Demagogen wie dem ENFj Hitler.

Lob des Unterschieds, aber mit kritischem Augenmaß

Jedoch sollte ein Skeptiker das Kind „Sozionik“ nicht schon mit dem Bade ausschütten, nur weil er vermutet, das Baby könnte später einmal zu viel Fantasie entwickeln. Der Gedanke der Komplementarität, also die Betonung von Unterschieden und ihre Nutzung, ist immerhin das Grundmuster der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Ähnlich wie Kenntnisse und Fähigkeiten sich ergänzen können, sollte das auch für die Informationsaufnahme und -verarbeitung menschlicher Gehirne gelten. Wie es schon der Volksmund weiß, sehen zwei Augen mehr als eins, wobei die Leistung der Sinnesorgane sicherlich nicht nur rein quantitativ steigt. Menschen nehmen ihre Umwelt und sich selbst unterschiedlich war, wobei jede dieser Abbildungen sich immer auch als ein Zerrbild der Wirklichkeit charakterisieren lässt. Der eine neigt mehr zu objektiven Abbildungen, während der andere zur ethischen Bewertung tendiert, dem Generalisten, der sich für Gesamtzusammenhänge und Entwicklungschancen interessiert, steht der Detailarbeiter und Spezialist gegenüber, der auch Feinheiten beachtet. Dasselbe gilt für die auch in Persönlichkeitstheorien generell akzeptierte Unterscheidung von Extraversion und Introversion sowie die Konzeption rationaler Entscheidungen, wenn man etwa Ergebnisse der Kognitionspsychologie heranzieht.

Wie jede Persönlichkeitstypologie gibt die Sozionik, ganz unabhängig von ihrem Realitätsgehalt, Anstöße zur Selbstreflexion und damit auch zur kritischen Auseinandersetzungen mit der eigenen Persönlichkeit und ihren Entwicklungschancen, indem man sich selbst einordnet und sich dabei die eigenen Stärken und Schwächen bewusst macht. Dadurch kann, greift man einen Gedanken Freuds auf, das eigene Ich an Statur gewinnen, weil es sich Schritt für Schritt aus der Gefangenschaft durch das Es befreit. Allerdings müssen die sechzehn sozionischen Typen diese bloße Funktion als Denkimpuls mit den zwölf Tierkreiszeichen oder den vor allem in den USA so populären und der Sozionik teilweisen zum Verwechseln ähnlichen Myers-Briggs-Typen teilen, die mit Jung denselben Vater, aber eben US-amerikanischen Mütter besitzen.

Ihre Einzigartigkeit findet die Sozonik in ihren Aussagen über die Kompatibilität von Individuen, ja, von ihrem Ideal der Dualität erwartet die Sozionik beste Chancen für die Persönlichkeitsentwicklung; denn die Selbstachtung wächst auf Grund der täglichen Erfahrung, dem eigenen Partner und anderen Menschen nützlich zu sein, wodurch alle Gefühle der Angst und Minderwertigkeit schwinden sollen.

Jede kritische Auseinandersetzung mit der Sozionik muss daher diese Thematik fokussieren. So ist zu fragen, ob sie nur eine willkommene Hilfe für die Spiele von Kupplerinnen und Kupplern darstellt, bei denen man mit acht weißen und acht schwarzen Bausteinen wie in einem Puzzle die unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten von Partnerschaften durchspielt. Oder lebt die Sozionik vorrangig dank der metaphysischen Tiefen eines antiken Mythos und Urbildes, nach dem jeder Mensch nur die Hälfte einer ehemaligen Ganzheit ist, die von der Gottheit geschwächt wurde, weil sie auf Grund ihrer Fähigkeiten und Vollkommenheit zu mächtig zu werden drohte?

Nationale und globale Erfolgsfaktoren

Was mag nun die Erfolge der Sozionik in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion erklären? Vielleicht lässt er sich auf drei Faktoren zurückführen. Zum einen gibt sie Antworten auf drei zentrale Fragen des menschlichen Lebens: Wer bin ich? Wer bist du? und Wer passt zu wem?

Auch die Popularität des amerikanischen Pendants, die Persönlichkeitstypisierung nach dem Test des Mutter-Tochter-Teams Myers-Briggs, aber auch eine psychologisch ausgerichtete Astrologie, die nicht selten ebenfalls bei Jung Anleihen macht, lassen sich so erklären. Allerdings verspricht die Sozionik eine bessere Beantwortung dieser Fragen, da sie auf eine wissenschaftliche Grundlage verweisen kann und ein sorgfältig ausgearbeitetes Konzept für die Analyse sozialer Beziehungen in ihrem Fundus hat.

Aber auch die Etikettierungen der Typen können wie die Markenbezeichnungen von Konsumartikeln einen Prestigewert transferieren. Man ist nicht nur ein Akronym, eine Kombination aus vier Buchstaben wie ENTp, oder ein Skorpion, Stier bzw. der Angehörige eines anderen mehr oder weniger positiv assoziierten Tierkreiszeichens, sondern trotz aller angeführten Fehler ein Diplomat oder Meister, der sich als "Cäsar" oder "Jean Gabin" bezeichnen darf. Sogar aus persönlichen Defiziten kann man noch ein wenig Selbstwertgefühl gewinnen, da man immerhin auch damit Berühmtheiten ähnelt, und zudem fehlt schließlich jedem anderen Menschen auch die andere Hälfte zur Vollkommenheit.

Gerade in den Nachfolgestaaten der zerfallenen Sowjetunion hat die Sozionik zudem noch einen besonderen Heimateffekt auf ihrer Aktivseite. Wegen ihrer Herkunft und Geschichte dürfte sie vor allem die Menschen ansprechen, die weder dem Alten nachtrauen noch sich von einer importierten Psycho-Cola verführen lassen wollen, sondern lieber nach einem Produkt greifen, dass sich trotz aller Schwierigkeiten gerade in ihrem Land entwickelt hat, zumal es gegenüber der westlichen Konkurrenz durchaus erkennbare Vorteile aufweist.

Die Sozionik am Scheideweg

Die Sozionik bietet so mehrere Gesichter. Sie ist einerseits ein relativ starres Gefüge von fast dogmatisierten Aussagen und Versprechungen, das von einigen enthusiastischen Eingeweihten geglaubt wird, während ihm die große Zahl der Ungläubigen skeptisch und verständnislos gegenübersteht.

Sie ist aber auch eine Konkretisierung und Erweiterung der Jungschen Persönlichkeitstypologie, die als einfaches Schema sehr hilfreich ist, wenn man sich selbst und andere beurteilen möchte.

Die zahlreichen Versuche schließlich, die intuitiv von Aushra Augusta und ihren Schülern und Schülerinnen gewonnenen Hypothesen empirisch zu überprüfen, können dazu beitragen, neue Kenntnisse über "gute" menschliche Beziehungen zu gewinnen, also etwa die beste Mischung von Ähnlichkeit und Komplementarität in Partnerschaften und Kleingruppen weiter auszuloten. Von den beiden letzten Potenzialen können auch die Menschen außerhalb der ehemaligen Sowjetunion profitieren, denen die Sozionik zumindest neue Perspektiven aufzeigt.

Die freie Entwicklung der Sozionik nach dem Fall der Staatsideologie und ihrer Hofpsychologie hat die Sozionik somit an einen Scheideweg geführt. Welche Richtung sie einschlagen wird, hängt sicherlich – sozionisch gesprochen – von der Typenstruktur der Sozioniker ab.

Immerhin kann das Ziel der Bemühungen durchaus einen motivationalen Reiz ausüben, der erste holprige Gehversuche und auch das eine oder andere Stolpern schnell vergessen lässt. Die Erforschung der Besonderheiten jedes einzelnen Menschen soll schließlich dabei helfen, in einer Partnerschaft, in einem Freundeskreis und in einer Arbeitsgruppe glücklicher und erfolgreicher zu leben.

Jeder, der sich näher mit der Sozionik beschäftigen möchte, findet im Internet eine Reihe von Angeboten, so auch in englischer ( www.socionics.com ) und deutscher Sprache ( www.socioniko.net).

 

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